Jahres-Themen | Sonntag, 17. Januar 2021

Ein „Lichtblick“ von Pfarrerin Kerstin Heinrich

„Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit! Lob ihn mit Schalle, du werte Christenheit! Er lässt dich freundlich zu sich laden; freue dich, Israel, seiner Gnaden!“ (EG 502).

Wir sind freundlich eingeladen, das hört man doch gerne! Und diese Einladung kommt nicht von irgendwem, sie kommt von höchster Stelle: von Gott, der gnädig und barmherzig ist. Also, wenn Sie wollen, dann können Sie gerne mit einstimmen:

Barmherzigkeit ist das zentrale Thema des heutigen „Lichtblicks“. Denn es geht um die Jahreslosung, die für 2021 gewählt wurde: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6, 36). Falls Sie Fragen zum Ursprung und zur Auswahl der Jahreslosung haben, finden Sie hier einige informative Antworten.

Die Jahreslosung stammt aus der sogenannten „Feldrede“, die Lukas im 6. Kapitel seines Evangeliums überliefert. Darin finden sich viele Parallelen zur etwas bekannteren „Bergpredigt“, die im Matthäus-Evangelium zu finden ist. Wenn Sie nachlesen wollen, in welchem Kontext die Jahreslostung steht, können Sie das hier tun (zum Beispiel die Verse 27 bis 37).

Jahres-Themen | Gedanken

Ist das bei Ihnen ähnlich? Die Tagesschau oder die Tagesthemen zu schauen gehört für mich zur täglichen Routine. Besonders in diesen Zeiten verpasse ich die Sendungen nur selten, um auf dem neuesten Stand der Infektionszahlen und der Maßnahmen gegen die Pandemie zu sein und mit Hintergrundinformationen versorgt zu werden.

Wie gebannt verfolge ich diese Informationen. Gleichzeitig habe ich mich aber auch oft nach anderen Nachrichten gesehnt und so habe ich beim Nachdenken über die Jahreslosung für 2021 von folgender Einleitung bei den Tagesthemen geträumt:

Das wäre doch etwas, wenn wir das Jahr 2021 zum Jahr der Barmherzigkeit werden ließen!

12 Monate, um verletzenden und hässlichen Worten zu widersprechen und geballten Fäusten und übergriffigem Verhalten Einhalt zu gebieten.

365 Tage, um unser Miteinander auch in Zeiten von Abstandhalten fantasievoll zu pflegen und zu prägen durch Anteilnahme, Fürsorge und Zärtlichkeit.

Illusorisch? Eine Überforderung?

Wir wissen alle, dass die Realität ganz anders aussieht. Dass die Nachrichten voll davon sind, wie unbarmherzig es in der Welt zugeht. Dass wir selbst immer wieder scheitern an dem Anspruch, liebevoll und barmherzig sein zu wollen. Oder dass wir ausgenutzt werden, wenn wir es ernsthaft versuchen.

Barmherzigkeit hat es gegenwärtig schwer. Wer irgendeinen Fehler macht, wird in den sozialen Netzwerken zuweilen hingerichtet. Unerbittlichkeit, Häme und Hass scheinen alle Barmherzigkeit zu verdrängen. Politiker, die zur Solidarität mit den Schwächsten aufrufen, bekommen Morddrohungen. Der Mord an dem Politiker Walter Lübcke, der sich für die Aufnahme von Geflüchteten eingesetzt hatte und rechtsradikaler Hetze öffentlich entgegengetreten war, hat gezeigt, dass es nicht immer bei diesen Drohungen bleibt.

Auf Hass, Häme und Gewalt mit Barmherzigkeit zu reagieren, ist schwer. Und erfordert manchmal auch großen Mut. Wie umgehen mit Menschen, die die verrücktesten Verschwörungstheorien im Netz und auf der Straße verbreiten – ohne Maske und Abstand, versteht sich. Wie umgehen mit Menschen, die sagen: Gerade jetzt muss ich erst mal an mich selbst denken. Um die Not der anderen kann ich mich nicht auch noch kümmern?

Und doch hat sich im vergangenen Jahr auch gezeigt: In der Pandemie ist Barmherzigkeit eine zentrale Ressource, an der sich entscheidet, ob wir geschwächt oder gestärkt aus dieser Erfahrung hervorgehen. Nicht darum kann es gehen, uns wortstark und mit Getöse Gehör zu verschaffen, um damit für unsere „Freiheit“ zu streiten. Sondern es geht um Barmherzigkeit und Mitgefühl, die sich manchmal auch darin zeigen können, dass wir auf unsere gewohnten Freiheiten eine Zeit lang verzichten, weil uns z.B. das Schicksal der 87jährigen in ihrem Seniorenheim anrührt, die ihre Enkelkinder schon Monate nicht mehr in den Arm nehmen konnte, oder das der Krankenschwester, die angesichts der vielen Covid-19-Kranken mit ihrer Kraft am Ende ist, oder das des kleinen Jungen, der mit seiner Familie in einer 2-Zimmer-Wohnung lebt und spürt, wie die Angst der Eltern um sich greift. Es sind diese Bilder, die uns anrühren, die uns bewegen sollten.

Dass es Zeiten gibt, in denen wir besonders auf uns selbst achten, ist nachvollziehbar. Wie man sich bei einer schweren Erkrankung für einige Zeit fokussieren und nur auf sich konzentrieren muss, damit die Heilung vorangeht, so ist es auch bei einer Krise wie der Corona-Pandemie. Doch zugleich ist es trotzdem wichtig, die anderen im Blick zu behalten, empfindsam füreinander zu bleiben, die Türen füreinander offen zu halten.

Barmherzig zu sein – das ist ein Auftrag Gottes an uns alle.  Sei barmherzig mit Dir, sei barmherzig mit anderen, du verlierst nichts dabei. Du gewinnst. Wer barmherzig ist, schließt verfahrene Situationen auf, erreicht Herzen und schafft Umdenken bei Festgefahrenem.

Wir werden auch im Jahr 2021 an diesem Auftrag immer wieder scheitern. Und gerade dann sollten wir auch barmherzig mit uns selbst sein. Wenn wir mal wieder auf andere geschimpft haben oder wenn wir uns taub gestellt haben gegenüber den Hilferufen von Menschen in Not.

Wer mit sich selbst nicht nachsichtig ist, hat es auch schwer, anderen Schwächen und Fehler nachzusehen. Wer sich selbst gegenüber zu hartherzig und wenig liebevoll ist, wird andere auch auf ihre Fehler auf ihr liebloses Verhalten festnageln. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ – auch zu euch selbst. Wenn wir uns von Gottes Barmherzigkeit berühren lassen, dann können wir ihm getrost unser Versagen und unsere Fehltritte überlassen und jeden Tag zuversichtlich als neue Chance sehen, unsere Herzen auf die Liebe Gottes auszurichten.

Lassen Sie es uns doch versuchen mit dieser Barmherzigkeit! Lassen Sie es uns versuchen, aus der Kraft Gottes, ohne Sorge, aus Freiheit barmherzig zu leben.

Lassen Sie es uns doch versuchen, dass wir uns an diese zwei Abstandsregeln halten: Haltet euch fern vom Richten und haltet euch fern vom Verdammen! Und dass wir die wirklich wichtige Anstandsregel beachten: Vergebt einander! Ich bin mir sicher, die Wirkung wird uns überraschen!

Ich wünsche uns allen, dass wir am Ende dieses Jahres 2021 auf 365 Tage zurückblicken können, in der sich die Reproduktionszahl der Ansteckung durch unser barmherziges Verhalten vervielfacht hat und Gottes Barmherzigkeit auf der ganzen Welt wieder stärker sichtbar und spürbar wird. Amen.

Jahres-Themen | Fürbitte

Barmherziger Gott, vor allem Bitten wollen wir dir danken für das, was du uns jeden Tag an Gutem tust und an Nähe schenkst. Dein Liebe und Barmherzigkeit zu spüren ist eine wichtige Stärkung.

Darum bitten wir dich nun

für alle, die sich nach Verständnis sehnen:
Sei ihnen nahe und segne jeden Schritt, der Mitgefühl bezeugt;

für alle, die sich nach Gemeinschaft sehnen:
Sei ihnen nahe und segne jeden Schritt, der Einsamkeit zu durchbrechen vermag;

für alle, die sich nach Heilung sehnen:
Sei ihnen nahe und segne jeden Schritt, der Not lindert;

für alle, die nach Frieden suchen:
Sei ihnen nahe und segne jeden Schritt, der Hass mindert;

für alle, die sich nach Gerechtigkeit ausstrecken:
Sei ihnen nahe und segne jeden Schritt, der aufatmen und aufrecht gehen lässt;

für alle, die sich in den Dienst der Barmherzigkeit stellen:
Sei ihnen nahe und segne jeden Schritt, der Zuwendung erfahrbar macht und auch vor Erschöpfung schützt.

Und wir bitten dich für uns, die wir uns in Barmherzigkeit üben wollen.
Sei uns nahe und segne jeden Schritt, der uns dir und unseren Mitmenschen näherbringt.

Gott, sei du unsere Lebensmitte.

Bleibe bei uns auf dem Weg in noch unbekannte Tage.

Amen.

Jahres-Themen | Segen

Alles, was gut ist,
alles, was still ist und stark,
alles, was wärmt und weitet,
was den Leib erfreut,
das Herz bezaubert
und die Seele birgt,
alles, was die Liebe stärkt und das Recht stützt,
komme über uns und durch uns
in die Welt.

(Jacqueline Keune, Scheunen voll Wind. Gebete und Gedichte, db Verlag, Horw/Luzern, 2016, S. 42)