Lebens-dienlich | Sonntag, 25. Oktober 2020

Ein „Lichtblick“ entlang der Predigt, die Pfarrerin Kerstin Heinrich im heutigen Gottesdienst gehalten hat:

Dieses Bild stammt aus einer Kampagne, die die Evangelische Kirche vor einigen Jahren gestartet hat, um auf die besondere Bedeutung des Sonntags hinzuweisen. Dass wir diesen Tag als grundsätzlich arbeitsfreien Tag haben, geht letztlich auf die 10 Gebote aus der Bibel zurück. Im dritten Gebot heißt es nämlich:

„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.“

Exodus (2. Buch Mose) 20, 8-11

Der heutige Predigttext steht dazu in einem gewissen Spannungsfeld:

Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

Markus 2, 23-28

In diesem Evangelium trifft also die Autorität eines der 10 Gebote auf die Vollmacht Jesu. Jesus zieht mit seinen Jüngern am Sabbat durch ein Kornfeld. Die Jünger haben Hunger und rupfen en passant  Ähren aus. Die, die das beobachten, ärgern sich über diese offensichtliche Regelverletzung – so wie wir uns vielleicht darüber ärgern, wenn unser Nachbar am Sonntag seinen Rasen mäht. Kein Wunder, dass die Pharisäer Jesus fragen: „Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?“ „Du sollst den Sabbat heiligen“, heißt das dritte der 10 Gebote. Das ist doch Klartext – wie in Stein gemeißelt.

Jesus geht bereitwillig auf die Frage ein. Ihm ist klar, dass die Fragenden die Grenze der gebotenen Ruhe überschritten sehen. Jesus argumentiert mit einer Geschichte aus der hebräischen Bibel, aus der Schrift, die ihm und seinen Diskussionspartnern heilig ist. Jesus erzählt eine Geschichte von David.

David war auf der Flucht. Hungrig kam er zu einem Heiligtum, auf dessen Altar frische Brote lagen. Die Brote waren für Gott bestimmt. Jeden Tag wurden frisch gebackene Brote auf den Altar gelegt, die alten, die weggenommen wurden, wurden nicht weggeworfen, aber nur die Priester durften sie essen. David aber nahm Brot vom Altar. Obwohl es verboten war, aß David dieses Brot und wurde dafür nicht bestraft. Die Notlage des Hungers rechtfertigte, dass er die Vorschrift überschritt.

Mit dieser Geschichte sagt Jesus: „Grundsätzlich ist die Anfrage berechtigt. Die gute Regel des Sabbats verbietet das Arbeiten und das Ernten. Aber meine Leute haben Hunger. Und der Hunger rechtfertigt es, dass sie sich nehmen, was sie zum bloßen Überleben brauchen. Ich werde sie nicht hindern, sondern finde ihr Tun in Ordnung.“

Jesus will mit seinen Worten nicht das Gebot der Sabbatruhe abschaffen. So wie alle gläubigen Juden ist er der Überzeugung, dass die Gebote gute Gaben Gottes sind, die dem Menschen hilfreiche Orientierung für sein Leben geben. Auch das Sabbatgebot. Es ist ein Geschenk Gottes an uns. Der Sabbat, oder für uns der Sonntag bietet die Chance, zur Ruhe zu kommen, zum Gottesdienst zu gehen. Zeit mit der Familie zu verbringen. Die Gebote sind dazu da, dem Menschen zu dienen, ihm das Leben zu erleichtern. Sie sollen ihm Richtschnur sein für sein Handeln.

Aber Jesus gibt einen wichtigen Hinweis: Wenn nun ein Notfall besteht, wenn zum Beispiel ein Leben in Gefahr ist, wenn es um Leib und Leben des Menschen geht, dann muss man abwägen. Die Gebote nehmen uns nicht die Verantwortung für unser Handeln ab. Jesus mutet uns Menschen also zu, über den Buchstaben des Gesetzes hinaus weiterzudenken hin zum inneren Sinn und dann selbst zu entscheiden: was dient dem Menschen?

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen.“ Es geht nicht um Beliebigkeit oder Wurschtigkeit à la „Soll doch jeder machen, was er will! Oder was ihm gerade in den Kram passt“. Doch wenn Regeln auf das Leben treffen, müssen konkrete Lebenssituationen Beachtung finden: Wer am Sabbat Hunger hat, darf natürlich Ähren raufen, damit er überhaupt seine Sabbatruhe finden kann.

Jesus mutet uns Menschen zu, die Gebote auf ihre Lebensdienlichkeit zu befragen. Also: Kein blinder Gehorsam, sondern verantwortliches Handeln ist gefragt.

Das Infragestellen von Regeln macht auch Angst. Das war damals so, das ist heute so. „Was ist, wenn das jeder machen würde…“ so lautet ein beliebtes Gegenargument. Doch dieses Argument geht am wesentlichen vorbei. Es geht in unserer Geschichte nicht darum, die Gebote zu relativieren oder den Ruhetag abzuschaffen, sondern es geht immer um die Frage: Welche Gebote dienen dem Leben! Diese Frage gilt für die Gebote, aber auch für andere Regeln an die wir uns halten, als Gesellschaft, in der Familie, in der Schule. Dort, wo wir leben und handeln: Dienen unsere Regeln dem Leben?

Hinterfragen wir also in diesem Sinne einmal die zurzeit geltenden Corona-Einschränkungen und die zunehmende Maskenpflicht, z.B. auch im Gottesdienst. Nicht alle sehen ein, sich an diese Regeln zu halten und empfinden sie als unzumutbare Einschränkungen der eigenen Freiheit. Manche gehen dagegen sogar auf die Straße und demonstrieren. Es wird kritisiert, dass zu wenig auf die Eigenverantwortlichkeit der Menschen gebaut wird. Nach dem Motto: Die Leute wissen schon selbst, was sie zu tun und zu lassen haben. Doch das Problem an dem Wort „Eigen-verantwortlichkeit“ ist, dass man sich zuerst fürs „Eigene“ verantwortlich weiß und entsprechend reagiert. Das eigene Interesse steht im Vordergrund, ohne zu bedenken, dass das eigene Interesse vielleicht für die anderen ein Risiko birgt.

Den Schritt von der Eigenverantwortung hin zur Fremdverantwortung, den gehen nicht alle Menschen. Doch Eigenverantwortung und Fremdverantwortung gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Münze. Mein Wohlergehen ist auch immer an das Wohlergehen der Gesellschaft gebunden, in der ich lebe. Mein Wohlergehen muss den Andern in Blick haben, das Leben der Anderen, die durch mich nicht zu Schaden kommen dürfen. Deshalb sind Regeln nötig in dieser Pandemiezeit. Regeln, die für alle gelten und alle im Blick haben. Regeln, die dem Leben dienen.

Denn: ich bin nicht der Maßstab aller Dinge. Die Frage ist nicht: Was passt mir am besten? Sondern: Was dient dem Menschen? Nicht meine Vorlieben oder Abneigungen, nicht meine vermeintliche Klugheit oder Durchsetzungskraft ist entscheidend. „Um des Menschen willen!“ – das ist die Orientierung, die Jesus meinem Denken, Reden und Handeln gibt. Und diese Orientierung gilt für alle Bereiche des Lebens.

Jesus traut es uns zu, dass wir die Fürs und Widers abwägen können. Dass wir eigenverantwortlich handeln – ohne das Wohl des anderen aus den Augen verlieren. Aber eine Regel gilt unumstößlich: Mein Tun muss dem Leben dienen. Das gibt uns unser Glaube auf.