Waschschüssel | Sonntag, 28. Februar 2021

Ein „Lichtblick“ von Pfarrerin Kerstin Heinrich

Hände waschen bringt’s – so hören und lesen wir seit einem Jahr an allen Ecken und Enden. Und das Internet ist voll von Erklärvideos zur korrekten Hand-Hygiene.

Im heutigen Passionsgottesdienst auf dem Zimmerplatz ging es auch ums Waschen. Zuerst einmal ums Hände waschen. Nämlich in diesem Abschnitt aus der Passionsgeschichte:

Zum Fest hatte der Statthalter Pilatus die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Aber die Hohenpriester und die Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten. Da antwortete nun der Statthalter und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich dann machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen! Da aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen; seht ihr zu!

Matthäus 27, 15-17.20-24

Und dann ging es noch ums Füße waschen. Das kommt nämlich auch in der Passionsgeschichte vor, nachzulesen zum Beispiel im 13. Kapitel des Johannesevangeliums. Die Evangelsich-reformierte Gemeinde Osnabrück hat die entsprechende Szene vor 5 Tagen in ihrem Video-Fastenkalender aufgegriffen.

Zweimal wird also in der Passionsgeschichte gewaschen. Jesus wäscht die Füße seiner Jünger und der römische Statthalter Pontius Pilatus wäscht seine eigenen Hände. Beide Male ist eine Waschschüssel im Spiel. Und deshalb ist die Waschschüssel unsere heutige „Spur zum Kreuz“.

fotografiert während den Vorbereitungen zum Gottesdienst

Wir haben es mit zwei Waschungen zu tun, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der ersten Geschichte hören wir von Pilatus, der hin- und hergerissen scheint. Auf der einen Seite hört er die Rufe des Volks („Kreuzige ihn!“) und die Forderungen der Hohenpriester, diesen Jesus hinzurichten. Und auf der anderen Seite meldet sich sein eigenes Herz und Gewissen mit der Überzeugung, dass dieser Jesus unschuldig ist.

Er lässt sich eine Waschschüssel bringen. Ich stelle mir vor, wie es auf einmal ganz still wird. Und dann hört man in der Totenstille das leichte Plätschern, als Pilatus seine Hände eintaucht. Und seine Worte: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen; seht ihr zu!“

Pilatus zieht sich aus der Affäre. Er will die Verantwortung für die Entscheidung, die er treffen wird, nicht übernehmen, will seine Schuld abwaschen.

Die Hände in Unschuld waschen. Durch alle Zeiten geschah und geschieht das. Bei uns ist es zum Sprichwort geworden. Wir erleben es immer wieder: „Ich bin unschuldig! Ich war’s nicht!“ Da wird zugeschaut, wie ein Mensch zusammengeschlagen wird in der S-Bahn. Keiner schreitet ein. Für die Folgen will niemand verantwortlich sein. „Ich hab doch nichts gemacht.“ Schüler werden gemobbt. Auch in den sozialen Medien. Nicht alle beteiligen sich. Einige schweigen nur. „Ich hab‘ doch nichts gemacht.“ Wir kennen Beispiele wie diese.

Doch kann man Zuschauer bleiben? Unbeteiligter? Wenn Unrecht geschieht? Sich aus der Verantwortung herausziehen? Seine Hände in Unschuld waschen?

Die Antwort der Bibel kann klarer nicht sein: Nein. Niemand kann sich aus der Verantwortung, aus der Schuld herausziehen, nur, weil er wegschaut. Weil er vermeintlichen Zwängen folgt. Weil er meint, er habe keine andere Wahl. Weil er meint, er könne da doch nichts tun.

An den Fall Pilatus wird sogar in unserem Glaubensbekenntnis bis heute in jedem Gottesdienst erinnert: „Gelitten unter Pontius Pilatus…“ Immer, wenn auf der Welt das Glaubensbekenntnis gebetet wird, wird erklärt: Pilatus kann sich nicht in den Zuschauerraum flüchten. Er bleibt beteiligt. Die Waschschüssel wird zu einer großen Selbstlüge. Es funktioniert nicht. Er kann sich nicht selbst von dieser Schuld lossprechen, egal, wie sehr er sich die Hände auch schrubbt. Die Schuld kann er sich nicht selbst vergeben.

Von einer ganz anderen Art von Waschung hören wir im Johannesevangelium. Vor dem Passahfest, so wird erzählt, steht Jesus vom Mahl auf, legt sein Obergewand ab, und bindet sich einen Schurz um. Er gießt Wasser in ein Becken und fängt an, den Jüngern die Füße zu waschen und sie mit dem Schurz zu trocknen.

Fußwaschungen waren damals nicht ungewöhnlich. Die Menschen trugen meist Sandalen, der Boden war staubig, die Füße auch. So wusch man sich vor dem Essen die Füße oder ließ sie sich waschen, zumal das Essen meist liegend eingenommen wurde. Die Fußwaschung war allerdings mit sozialer Rangordnung verbunden: Frauen wuschen ihren Männern die Füße, Kinder ihrem Vater, Sklaven ihren Herren, aber auch Gastgeber ihren Besuchern. Und nun Jesus seinen Jüngern.

Er wäscht Judas die Füße, der ihn später verraten wird. Er wäscht Petrus die Füße, der später leugnen wird, Jesus überhaupt nur zu kennen. Er wäscht denen die Füße, die einschlafen, statt über ihn zu wachen, als er sich zum Gebet zurückzieht. Er wäscht denen die Füße, die fliehen, als Gefahr droht.

Jesus macht mit seinem Tun deutlich: Eure Schuld wird euch nicht von mir trennen. In der Liebe seid und bleibt ihr mit mir verbunden.

Diese Waschung ist so ganz anders als die von Pilatus.

Sie zeigt: Nicht wir selbst können uns von unserer Schuld reinwaschen, sondern wir sind auf die Liebe Gottes angewiesen, von der uns nichts trennen kann – noch nicht einmal unser Versagen.

Dies wird in der Taufe besonders deutlich. Die Taufschüssel ist ja auch eine Waschschüssel. Mit der Taufe werden wir zeichenhaft „reingewaschen“. Wir bekommen zugesagt: Wir müssen uns nicht mehr verzweifelt selbst weismachen, dass wir unschuldig sind. Denn wir werden in unserem Leben immer wieder Schuld auf uns laden. Wir können aber mit unserer Schuld und unserem Versagen zu Gott kommen und um Vergebung bitten. Es ist kein billiger Trick, bei dem wir nicht die Verantwortung für unser Tun und Lassen übernehmen müssen. Die Taufe ist vielmehr eine Waschschüssel, die für die Zusage Gottes steht: Alles, was dich von mir trennt, soll untergehen, es soll abgewaschen werden.

Amen

Waschschüssel | Gebet

Barmherziger Gott, weil wir im Glauben an dich Zuspruch und Sicherheit suchen, bitten wir dich: Wecke gerade jetzt in der Fastenzeit in uns immer neu die Sehnsucht nach dir.

Liebender Gott, weil du dich uns zuwendest, müssen wir uns nicht aus der Verantwortung stehlen: Gib uns den Mut dir das zu bekennen, was uns von dir trennt.  

Guter Gott, weil wir in der Ebene des Alltags leben, mit all den Schwierigkeiten dieser Zeit, bitten wir dich: Schenke immer wieder auch Momente des Glücks und der Freude, kurze Begegnungen, die unser Herz erwärmen und von denen wir zehren können.

Lebendiger Gott, weil die Corona-Pandemie das Leben der Menschen schon ein Jahr lang weltweit beeinträchtigt, bitten wir dich: Stärke die Solidarität der Menschen in unserem Land und in Europa –
und lass uns dort hinschauen, wo ärmere Länder in Not sind und unsere Unterstützung benötigen.

Gnädiger Gott, weil wir in Sorge sind um die Kranken, die Notleidenden und Trauernden, bitten wir dich: Ermutige alle, die Hoffnung suchen. Sei spürbar an der Seite der Menschen, die am Sinn ihres Lebens zweifeln.

Waschschüssel | Nachspiel

„O happy day … when Jesus washed my sins away“. Dieser Gospel-Klassiker passt perfekt zum heutigen Waschschüssel-Thema. Und die Fassung, die die „Heritage Singers“ während ihrer Osteuropa-Tour 2010 in Prag produziert haben, macht dazu noch richtig gute Laune.

Spuren zum Kreuz – Passionszeit in Lorsbach 2021

An allen Passions-Sonntagen treffen wir uns jeweils um 9:30 Uhr auf dem Zimmerplatz in Lorsbach für einen „Moment der Begegnung mit Gott“. Start ist am Sonntag, 21. Februar. Gestaltet werden die Treffen sowohl abewchselnd als auch gemeinsam von der Evangelisch-methodistischen Kirche und der Evangelischen Kirche Lorsbach. Die musikalische Begleitung übernimmt der Posaunenchor in bewährter pandemie-tauglicher Weise. Kommen Sie mit auf Spuren-Suche! Sie sind herzlich eingeladen!

Selbstverständlich halten wir uns bei allen Treffen an die Abstands- und Hygieneregeln und tragen Masken. Das Ordnungsamt Hofheim hat die Veranstaltungsreihe genehmigt.

Im Lauf des jeweiligen Sonntags veröffentlichen wir die zentralen Gedanken dann auch hier auf der „Lichtblicke“-Seite.