Erkennungszeichen | Sonntag, 11. April 2021

Ein „Lichtblick“ von Rolf Wiedemann

Der Fisch ist ein uraltes Erkennungs- und Bekenntniszeichen von Christinnen und Christen. Er wird auch im heutigen „Lichtblick“ eine – vielleicht etwas unerwartete – Rolle spielen. Im folgenden Video wird das Zeichen des Fischs interpretiert von Schülerinnen und Schülern eines Berliner Gymnasiums.

Erkennungszeichen begegnen uns ständig. Die Tatort-Melodie, der Telekom-Jingle. Eine spezielle Stimme, ein bestimmtes Parfüm, ein typisches Gericht. Es gibt Gesten, Gerüche, Klänge, Verhaltensweisen oder Worte, die bringen wir sofort und oft exklusiv mit einer Person in Verbindung. Sie sind wie eine Handschrift auf einem Briefumschlag.

Nicht jedes Merkmal ist aber auch gleich ein Erkennungszeichen. Diese entstehen erst, wo ich mit anderen vertraut werde. Wo ich sie wahrnehme und etwas mit ihnen erlebe. Und je öfter und intensiver solche gemeinsamen Erlebnisse stattfinden, desto sensibler werden wir für die entsprechenden Erkennungszeichen.

Was hat es mit dem Fisch als Erkennungszeichen auf sich? Wer das noch nicht weiß, kann sich hier informieren:

In Johannes 21, 1-14 wird von einer Begegnung des auferstandenen Jesus mit einigen von seinen Jüngern erzählt. Auch hier spielen Fische als Erkennungszeichen eine Rolle. Am besten lesen Sie die Geschichte einmal selbst nach. (Ein Klick auf die Bibelstelle führt zum Text.)

Es dauert also in dieser Begebenheit ein bisschen, bis die Jünger Jesus erkennen – obwohl es einige Erkennungszeichen gibt: ein Angeltipp, ein volles Netz, etwas Brot und gegrillten Fisch. Doch damit hatten die Jünger in ihrer Situation nicht gerechnet.

Sie hatten Jerusalem verlassen. Die Sache mit Jesus war für sie gescheitert. Sie wussten zwar, dass Jesus auferstanden war. Aber irgendwie wussten sie mit dieser Auferstehung nicht so richtig etwas anzufangen. Dieses Ungewisse war nichts für sie. Also zurück an die Arbeit, in den vertrauten Alltag: Fischen im See Genezareth. Das nennt man in der Psychologie „Regression“.

Und genau dort taucht Jesus völlig unerwartet auf. Denn dort will er sein: im Alltag von uns Menschen.

Die sieben erfahrenen Fischer fahren nachts hinaus und fangen nichts. Gar nichts. Im Morgengrauen steht ein Mann am Ufer und ruft: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, dann werdet ihr einen guten Fang machen!“ Und siehe da: das Netz ist knallvoll. Johannes schaltet als erster. Er erkennt: „Das ist doch der Herr! Das ist doch Jesus!“

Die Erkennungszeichen sind: ein Wort und ein volles Netz. Das hatten die Jünger schon mal erlebt. Damals – als Jesus sie nach einem genialen Fang zu Menschenfischern berufen hat (nachzulesen in Lukas 5, 1-11).

Als die Jünger am Ufer sind, hat Jesus das Essen für sie fertig. Erkennungszeichen: Brot und Fisch – die hatten doch auch schon mal für mehr als 5000 Menschen gereicht (nachzulesen in Johannes 6, 1-13).

Die Jünger hatten die Sache mit Jesus schon aufgegeben. Aber Jesus hatte seine Jünger nicht aufgegeben. Am See Genezareth begegnet er ihnen mitten im Alltag. Es ist, als würde er sagen: Meine Lieben, das alles habt ihr doch alles schon mal mit mir erlebt. Erinnert ihr euch? Erkennt ihr mich? Ich bin es: Jesus. Ich habe mich nicht verändert. Ich bin immer noch derselbe. Ich liebe euch und will weiterhin nur das Beste für euch. Vertraut mir wieder!

Mir geht es oft genauso wie den Jüngern damals. Ich weiß: An Weihnachten feiern wir, dass Gott in Jesus auf die Welt gekommen ist. Ich weiß: Jesus ist am Kreuz gestorben. Ich weiß: Gott hat Jesus auferweckt und den Tod überwunden. An diesen Festtagen wünsche ich voller Freude: „Frohe Weihnachten! Frohe Ostern! Frohe Pfingsten!“ Doch die Botschaft der Feste verändert meinen Alltag so wenig. Wie die Jünger gehe ich ins Vertraute zurück. Ich lasse Jesus hinter mir.

Aber – Gott sei Dank – lässt Jesus mich nicht hinter sich. Er hat versprochen: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Und das hält er. Er begleitet mich. Der auferstandene Christus ist nicht irgendwo. Er ist in meinem, in Ihrem, in Deinem Alltag. Er ist da – nur vielleicht manchmal ganz anders als wir denken.

Jesus bringt uns nicht schon hier und heute den Himmel auf Erden. So funktioniert es nicht. Aber er kennt meine traurigen Gedanken und meine dunklen Stunden. Er kennt all das, was ich so gerne unter den Teppich kehre. Er ist da, wenn Wege sich trennen. Er ist da, wenn der Mut fehlt, Neues zu wagen. Er ist da, wenn dein Herz dir schmerzvoll sagt: „Was du dir wünscht, wird nicht passieren!“ Er ist da, wenn Krankheit und Tod über dich hereinbrechen. Er ist da, wenn du das Gefühl hast: ich kann nicht mehr.

Jesus ist da. Doch oftmals nehmen wir ihn nicht wahr, erkennen ihn nicht. Kann das daran liegen, dass wir uns die Nähe Jesu immer so bombastisch vorstellen? So, als müsste sie jedes Mal mit Blitz und Donner einhergehen? Jesus liebt oftmals die leisen Töne. Er liebt die Stille, um uns zu begegnen.

Vielleicht begegnet er mir in dem Nachbarn, der aus Sorge nach mir sieht. In einer Karte, einer Überraschung, in einem kleinen Geschenk. Vielleicht begegnet er mir in dem Menschen, der meine Not zu seiner macht und einfach hilft, ohne von mir gebeten zu werden. Oder darin, dass jemand mir aus Liebe die Wahrheit sagt – auch wenn sie weh tut.

Er begegnet mir in seinem Wort. Er begegnet mir, wenn ich mit ihm rede. Er begegnet mir im Gottesdienst, hier und heute – und überall da, wo ich mit Menschen zusammen bin, die zu ihm gehören. Er spricht zu mir: „Lass dir von mir die Augen und das Herz öffnen, damit ich in dir lebendig werde; damit du mich in deinem Alltag erkennst; damit du mir vertraust. Denn ich habe dich lieb und will das Beste für dich.“

Lassen Sie uns versuchen, in der kommenden Woche einmal ganz konkret auf die Erkennungszeichen zu achten, mit denen uns der Auferstandene begegnet.

Erkennungszeichen | Gebet

Auferstandener Herr,
den kein Grab mehr hält,
den keine Zeit mehr begrenzt,
den kein Gedanke mehr fasst,
in dir
steht das Unbegreifliche vor uns,
wird das Unmögliche wahr.

Für alle, die in sich selbst gefangen sind
und die nur ihren eigenen Möglichkeiten trauen,
bitten wir dich:
Auferstandener Herr,
gib dich ihnen zu erkennen.

Für alle, denen keine Hoffnung bleibt,
die in Bedrängnis verstummen,
die ohne Aussicht auf Heilung oder Hilfe sind,
bitten wir dich:
Auferstandener Herr,
gib dich ihnen zu erkennen.

Für alle, die blind geworden sind
für die Weite und Würde
und für die Widersprüchlichkeit allen Lebens,
bitten wir dich:
Auferstandener Herr,
gib dich ihnen zu erkennen.

Für alle Ausgenutzten,
für alle, die nur noch funktionieren,
für alle, deren Lebensentwürfe zerbrochen sind,
bitten wir dich:
Auferstandener Herr,
gib dich ihnen zu erkennen.

Auferstandener Herr,
in dir wird das Undenkbare wahr:
Der Tod ist zur Tür ins Leben geworden.
Wir können dieses Geheimnis nicht begreifen,
aber wir wollen im Glauben darin heimisch werden.
Dir vertrauen wir uns an
in Zeit und Ewigkeit.
Amen.

Erkennungszeichen | Nachspiel