Schaut hin! | Sonntag, 16. Mai 2021

Ein „Lichtblick“ mit Gedanken von Pastor Uwe Saßnowski

Heute wurde der Gottesdienst auf dem Lorsbacher Zimmerplatz von Uwe Saßnowski geleitet. Er ist Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche in Frankfurt, die ihre Heimat in der Christuskirche am Merianplatz hat.

„Schaut hin!“ So lautet das Motto des 3. Ökumenischen Kirchentags, der heute in Frankfurt zu Ende geht. Dieses Motto ist der Geschichte von der Speisung der 5.000 entnommen. Dort ermutigt Jesus seine Jünger: „Geht noch einmal hin und schaut nach, was ihr habt!“ (Markus 6, 38). Wir wissen: Die Jünger fanden damals fünf Brote und zwei Fische – und auf wundersame Weise wurden alle davon satt.

Was für ein schönes Bild, das man hier für den Ökumenischen Kirchentag gefunden hat: Schaut hin! Schaut nach, was ihr habt! Schaut nach, was ihr den Menschen anbieten könnt, damit sie auf wunderbare Weise satt werden können. Der folgende Song zum Ökumenischen Kirchentag atmet genau diese Botschaft.

Eine Bitte aus dem für heute vorgeschlagenen Predigttext passt sehr gut zu diesem Motto: „Herr, öffne mir die Augen, dass ich sehe – dass ich schaue die Wunder deiner Weisung“ (Psalm 119, 18). In vielen Übersetzungen lesen wir an dieser Stelle „die Wunder, die dein Gesetz enthält“. Doch es geht hier nicht nur um die 10 Gebote oder um die 613 weiteren Gesetze, die in den 5 Büchern Mose enthalten sind. Es geht auch um die vielen Geschichten Gottes mit den Menschen – von der Schöpfung bis zum Einzug ins gelobte Land.

Vielleicht dachte der Beter des Psalms an die Rettung Noahs und an das Versprechen Gottes, dass die Erde nie mehr untergehen darf im Hass oder im Zorn. An Abraham und seinen Aufbruch ins verheißene Land. An Mose, den Befreier, der den Bund Gottes mit Israel geschlossen hat. An Josua, der das Volk ins gelobte Land hineingeführt hat und vielleicht auch an König David, dem einmal der Messias auf seinem Thron folgen würde. Für diese Geschichte Gottes von der Verheißung bis zur Erfüllung möchte der Beter des Psalms sich die Augen öffnen lassen. Dafür, wie Gott die Menschen durch all diese Zeiten hindurch begleitet und angeleitet und zu ihrem Ziel gebracht hat.

Sie kennen vermutlich die Redensart, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Kennen wir manchmal in Umkehrung dieses Spruchs vor lauter Bibel die vielen Geschichten Gottes mit den Menschen nicht mehr? Sind sie in unserem Bewusstsein genauso eingestaubt wie das dicke Buch zuhause im Regal? Irgendwie vorhanden, aber nicht wirklich in uns lebendig?

Vielleicht tut es uns gut, in die Bitte des Psalms einzustimmen: „Herr, öffne mir die Augen, dass ich sehe!“ Öffne mir die Augen für die Geschichten Gottes mit uns Menschen. Und dann könnten wir doch wieder mal eine solche Geschichte lesen und auf uns wirken lassen. Es könnte sein, dass wir dann ein Wunder erleben: das Wunder der Zuwendung Gottes zu uns in seinem Wort.

Der Apostel Paulus greift die alte Bitte aus dem Psalm in seinem Brief an die Epheser auf: „Gott erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr erkennt, was für eine Hoffnung Gott euch gegeben hat, als er euch berief, und was für ein reiches und wunderbares Erbe er er für die bereithält, die zu seinem heiligen Volk gehören“ (Epheser 1, 18).

In Jesus finden die vielen Geschichten Gottes mit uns Menschen ihr Zentrum. Und in ihm gründet sich auch unsere Hoffnung. Die Hoffnung, dass Gottes Liebe unser Leben zum Guten verändern kann – und dass sie sogar unsere Welt retten kann.

In Jesus gründet sich auch unser Reichtum. Zum Beispiel der Reichtum einer vielfältigen Gemeinschaft unterschiedlichster Menschen. Jesus ist ja auf alle zugegangen: Frauen, Männer, Kinder; Gesunde und Kranke; Bescheidene und Überhebliche; Fromme, Exzentriker und Schuldig-Gewordene. Alle hat er aufgesucht, eingeladen und mitgenommen – sogar Sie und mich.

In diesem Sinne war Frankfurt ein wunderbarer Ort für den Ökumenischen Kirchentag. Hier gibt es die bunteste Ökumene in ganz Deutschland. In keiner anderen Stadt gibt es so viele unterschiedliche christliche Gemeinschaften wie in Frankfurt. Diese Vielfalt von Lebens- und Glaubensgeschichten ist ein Reichtum der besonderen Art.

Es mag manchmal so aussehen, als ob all unsere Bemühungen, Leben zu retten, die Schöpfung zu bewahren, Frieden zu schaffen, Ungerechtigkeit zu überwinden und uns zu versöhnen, nicht zum Ziel führen. Sondern dass immer wieder Hass auflodert, Geiz geil ist und das Böse siegt.

Aber wir haben es an Ostern gefeiert: Gott selbst hat dem Tod und allem Zerstörerischen die Grenzen aufgezeigt. Lassen Sie uns deshalb hinschauen auf das, was wir haben. „Schaut hin!“ Auf die Geschichten Gottes mit den Menschen. Auf Jesus, der uns Hoffnung schenkt und der uns reich macht, der Gemeinschaft stiftet. Wenn wir das immer wieder miteinander teilen – in der Nachbarschaft, in der Gemeinde und in der Ökumene – dann werden wir und alle Menschen satt.

Schaut hin! | Gebet

Jesus Christus,
wir kommen zu dir.
Du stillst unseren Durst nach Leben.
Komm und sende deinen Geist aus.
Erbarme dich.

Komm und sende deinen Geist,
damit Frieden wird
in Israel,
im Heiligen Land,
in deiner Stadt Jerusalem.
Verwandele die Herzen der Menschen
und erneuere diese Welt.
Du bist die Quelle des Friedens –
erbarme dich.

Komm und sende deinen Geist,
damit Gerechtigkeit wächst
für die Geschwächten,
für die Übersehenen,
zwischen den Generationen,
zwischen den Gesunden und den Kranken.
Verwandele die Meinungen der Menschen übereinander
und erneuere unser Zusammenleben.
Du bist die Quelle der Gerechtigkeit –
erbarme dich.

Komm und sende deinen Geist,
damit der Glaube auflebt
in deiner weltweiten Kirche,
in unseren Gemeinden,
bei den Teilnehmenden des Ökumenischen Kirchentags,
bei unseren Kindern.
Du bist die Quelle des Lebens –
erbarme dich
heute und alle Tage.
Amen.

Schaut hin! | Nachspiel

Als Nachspiel folgt noch ein weiteres Lied, das für den Ökumenischen Kirchentag produziert wurde.