Suchen und Finden | Sonntag, 20. Juni 2021

Ein „Lichtblick“ von Pfarrerin Kerstin Heinrich

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (EG 503) haben wir heute morgen zu Beginn des Gottesdienstes gesungen. Mit dem gleichen Lied wird auch der heutige „Lichtblick“ eröffnet – von einer Organistin aus Freiburg, die neben allerhand Vogelgezwitscher auch noch weitere bekannte Melodien in ihre Fassung eingebaut hat. Erkennen Sie sie?

Das hat vermutlich jede und jeder von uns schon erlebt: Man hat etwas Wichtiges verloren und sucht dann wie verrückt danach: den Schlüssel, das Handy, den Führerschein oder einen irgendwo abgelegten Ring. Die Sucherei nimmt uns komplett in Anspruch. Die Wut und der Ärger über uns selbst und die Angst, dass das Gesuchte verschwunden bleibt, beherrschen uns und es kehrt erst dann Ruhe ein, wenn das Verlorene gefunden ist. Dann sind die Erleichterung und die Freude groß.

Im Lukasevangelium stehen drei Gleichnisse, die vom Verlieren, Suchen und Finden handeln, direkt hintereinander (Lukas 15,1-31): Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, das von der verlorenen Drachme und das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Werfen wir einen Blick in das Haus der Frau, die ihre Drachme verloren hat und wie verrückt anfängt, sie zu suchen. Sie braucht dieses Geldstück unbedingt Manche vermuten, sie könnte Teil der Mitgift oder des Brautschmucks gewesen sein. Die Frau erleidet jedenfalls einen Verlust, der sie ärgert, und sie stellt das Haus auf den Kopf. In den Häusern der Antike war es dunkel, Glasfenster gab es nicht. Die Frau muss eine Lampe nehmen, um die Ecken auszuleuchten. Sie nimmt den Besen und kehrt gründlich. Und ich stelle mir vor, wie sie still oder laut vor sich hin flucht und die fehlende Drachme oder sich selbst verwünscht: „Mist, wie konnte das passieren? Warum bin ich nur immer so schusselig? Gestern war sie doch noch da…“

Ludwig van Beethoven hat passend zu diesem Gleichnis ein „Rondo“ für Klavier geschrieben, Opus 129. Es trägt den Untertitel „Wuth über den verlornen Groschen, ausgetobt in einer Kaprize“. Im folgenden Video werden Teile des Stücks mit einer lustigen Animation verbunden.

Nur wer einmal lange gesucht hat, nur wer wirklich wütend über einen Verlust war, versteht, wie es der Frau im Gleichnis geht. Schließlich hört sie es beim Kehren klimpern. Sie bückt sich und leuchtet mit der Lampe in den Schatten. Da blitzt die Drachme auf. Sie ist wiedergefunden. Die verdüsterte Welt der Frau hellt sich auf: „Ach, bin ich erleichtert! Ein Glück, wie schön! Das muss ich den anderen erzählen!“

Und sie ruft die Nachbarinnen und Freundinnen zusammen: Man kann es sich unmittelbar vorstellen, wie die Frauen zusammen Kaffee trinken –oder was man in der Antike halt trank –und sich darüber austauschen, was jede von ihnen schon einmal verloren und wieder gefunden hat – oder auch nicht.

Ähnlich ist es beim Gleichnis vom verlorenen Schaf. Der Schäfer macht sich auf den Weg, nachdem er festgestellt hat, dass eins seiner Schäfchen fehlt – und sucht so lange, bis er es findet. Und als er es findet, nimmt er es auf die Schulter, trägt es nach Hause und teilt seine Freude mit den Nachbarn und Freunden. Auch seine Geschichte geht gut aus und die anderen teilen sein Glück. Sie wissen was es heißt, etwas Wichtiges zu verlieren. Sie kennen die Sorge und auch die Erleichterung, wenn die Sorge verfliegt.

Das dritte Gleichnis des Verlorenen ist vielleicht das bekannteste: das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch hierzu ein kurzer animierter Film:

Auch dieses Gleichnis hat bis dahin eine heitere Prägung. Doch die Heiterkeit wird jäh getrübt. Der ältere Sohn ist neidisch auf den jüngeren. Er kann sich nicht mitfreuen. Für ihn, der immer anständig war, gab es nie solch ein Fest. Am Ende ist der Ausgang des Gleichnisses offen. Bleibt der Bruder in seinem Groll gefangen oder kann er sich mitfreuen? Ob das Gleichnis als Tragödie oder als Komödie endet, wird nicht erzählt.

In diesem letzten Gleichnis kommt also ein Aspekt hinzu, der in den ersten beiden „gut ausgehenden“ Gleichnissen keine Rolle spielt, der aber vielleicht erst der Grund für Jesus war, diese Gleichnisse überhaupt zu erzählen: Es gibt Menschen, denen es schwerfällt, einem anderen etwas zu gönnen. Der Neid auf andere, auf ihren Erfolg und ihr Ansehen, der Neid auf ihren Besitz oder ihre Beziehungen war damals und ist auch heute ein böses gesellschaftliches Gift.

Aber nicht nur die Erfolgreichen werden beneidet. Jesus erlebt, dass auch jene, die am Rand stehen, beneidet werden, wenn er sich ihnen zuwendet. Es ist grotesk: die, die alles haben, sind neidisch auf die Aufmerksamkeit, die jene bekommen, denen alles fehlt.

Das erleben wir heute auch. Viele würden am liebsten diejenigen, die in unser Land geflüchtet sind, die alles verloren haben – Heimat, Familie, Auskommen – wieder davonjagen. Die gehören nicht zu uns! Und es werden Neiddebatten geführt, die kolportieren, dass „denen“ alles in den Hals geschoben wird. Ich denke auch an den Argwohn, der Hartz-IV-Beziehern von manchen entgegengebracht wird, die selbst im Wohlstand leben.

Jesus wurde ständig mit dieser Art Neid konfrontiert. Wenn er mit Menschen zu Tisch saß, dann gab es immer welche die meinten: „Mit denen sollte man sich aber nicht zusammen sehen lassen. Die sind es nicht wert, die haben sich ihr böses Schicksal doch selbst verdient. Die Grenze zu denen darf nicht überschritten werden, sonst bricht die ganze Gesellschaft entzwei.“

Jesus jedoch war ein Grenzgänger. Mit souveräner Gelassenheit setzte er sich über solche Konventionen hinweg. Um seine Kritiker zu gewinnen, erzählte er Gleichnisse, kleine heitere Anekdoten, die diejenigen, die neidisch und mürrisch waren auf die Sünder, die Außenseiter und die Verachteten, mit denen Jesus zu tun hatte, zum Mitfreuen einluden:

„Du freust dich doch auch, wenn einer sein verlorenes Schaf wiederfindet? Freu dich doch mit, wenn hier Menschen am Tisch sitzen, die du längst verloren gegeben hast.“ „Du bist doch ein frommer Mann. Dann weißt Du doch auch, dass Gott der große Menschensucher ist und niemanden verloren gibt. Nimm doch ernst, was du glaubst, und freu dich mit, wenn jemand gefunden wird.“

Die Freude am Wiedergefundenen ist etwas Göttliches. Die Freude an der Rettung eines Menschen ist überhaupt das Größte. Wer sich freuen kann wie die Frau über die Drachme, wie der Schäfer über sein Schaf, wie der Vater über den wiedergefundenen Sohn, der spürt göttliche Freude, der erlebt, wie Gottes Reich kommt und die Welt neu macht.

Und manche von uns kennen vielleicht auch die andere Erfahrung: wie es ist, sich selbst verloren zu fühlen. Tage, Zeiten, in denen ich durch eine Wüste zu irren scheine, in denen ich das Gefühl habe, den Anschluss zu verlieren, in denen ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Wenn dann einer kommt und mir hilft, ist das der Beginn eines neuen Lebens. Wenn ein Engel kommt und mich stärkt, dann lebe ich auf und bekomme neue Kraft.

Wie gut, dass mir andere Menschen manchmal zu Hirten werden und mich aus tiefer Not retten und heimbringen. Wie gut, wenn sich Menschen auf die Suche machen nach mir, wenn ich abgetaucht bin, wenn ich mich vergrabe in meinem Kummer oder Zorn. Wie wunderbar, wenn andere sich freuen, dass es mir wieder besser geht. Wenn ich gefunden werde.

Jesus hatte eine Menge Humor und freundliche Menschenliebe. Den Neidischen entgeht das nur leider. Für sie erzählt Jesus das dritte Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der ältere Sohn ist die beleidigte Leberwurst. Alle feiern, alle sind fröhlich. Es gibt Essen und Trinken vom Feinsten – doch der ältere Sohn schmollt. Und ich stelle mir vor, wie Jesus seine Zuhörer und Zuhörerinnen fragt: „Willst du dir diese Rolle wählen? Oder willst du – wie ich – zu denen gehören, die sich freuen, wenn ein Mensch den Weg zurück ins Leben findet? Komm, sei nicht neidisch! Schlucke deinen Ärger und deinen Argwohn herunter und freue dich! Und dann kümmere dich um deine Mitmenschen wie der Hirte. Geh deiner Nächsten nach, die in Not ist wie die Frau, die ihre Münze sucht. Breite die Arme weit aus, wenn einer zurückfindet und neu anfängt. Iss und trink mit ihm, nimm dir Zeit und teile seine Freude. Denn die Freude am Wiedergefundenen ist göttliche Freude.

Dem Kinderchor, der das folgende kurze Lied singt, kann man diese Freude anhören.

Suchen und Finden | Gebet

Guter Gott, du suchst das Verlorene, du siehst und nimmst uns Menschen freundlich an.
Wir bitten dich

für alle, dich sich verloren vorkommen und die Welt nicht mehr verstehen:
Gib ihnen Menschen, die diese Nöte verstehen.

für alle, die in Sackgasen des Lebens geraten sind und nach Hilfe Ausschau halten:
Gib ihnen Menschen, die ihnen eine neue Orientierung geben.

für alle, die sich ihres Lebens schämen, ihrer Armut, ihrer Gestalt, ihrer Krankheit:
Gib ihnen Menschen, die sie freundlich ansehen.

für alle, die krank sind an Leib und/oder Seele:
Gib ihnen Menschen, die sie trösten können

für die alten Menschen, die sich nicht mehr angesehen fühlen:
Schenke ihnen Menschen, die ihre Lebenserfahrung wertschätzen.

für die Kinder, die sich selbst überlassen sind:
Stelle ihnen Erwachsene an die Seite, die ihnen Liebe und Halt geben

für alle, die in Schuld geraten sind:
Dass sie um Verzeihung bitten können und sie auch erfahren.

für uns alle, die wir dich suchen und brauchen jeden Tag:
Komm uns nahe in vielerlei Gestalt.

Durch Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt, heute und allezeit.
Amen

Suchen und Finden | Nachspiel

2018 hat Max Giesinger das Lied „Zuhause“ veröffentlicht. Von diesem Lied können wir uns noch einmal in die Perpektive desjenigen Sohnes hineinnehmen lassen, der von zuhause weggelaufen ist. Der sich fragt, wo er eigentlich hingehört, und der sich letztlich danach sehnt, irgendwann einmal zufrieden zu sein (beides in der zweiten Strophe). Ein Ziel, das im Grunde beide Brüder aus dem Gleichnis verfolgen – jeder auf seine Weise. Und wir vermutlich auch…