Blick nach oben | Sonntag, 2. August 2020

Ein „Lichtblick“ von Corinna Häckel

Als Vorspiel erklingt heute die Sinfonia G-Dur von Johann Sebastian Bach – aber in einer ganz besonderen Besetzung mit Bandoneon und Streichinstrumenten.

Letzten Sonntag erwähnte Rolf Wiedemann in seiner Predigt auf dem Zimmerplatz die Tatsache, dass viele Menschen in der heutigen Zeit verlernt haben, ihrem Gegenüber gut zuzuhören und die volle Aufmerksamkeit zu schenken – obwohl wir doch zwei Ohren haben!

Im dem für heute vorgeschlagenen Predigttext Johannes 9, 1-7 geht es in vielfältiger Weise um das Hinsehen und darum den richtigen Blick auf die Dinge zu entwickeln. Schauen wir uns das 9. Kapitel des Johannes-Evangeliums in Bild und Ton an (es reicht, wenn Sie bis Minute 3:03 schauen):

Und hier kommt die Geschichte noch einmal in Textform:

Unterwegs sah Jesus einen Mann, der von Geburt an blind war. „Rabbi“, fragten die Jünger, „wie kommt es, dass dieser Mann blind geboren wurde? Wer hat gesündigt – er selbst oder seine Eltern?“ „Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern“, erwiderte Jesus. „An ihm soll sichtbar werden, was Gott zu tun vermag. Wir müssen den Auftrag dessen, der mich gesandt hat, ausführen, solange es Tag ist. Die Nacht kommt, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Nachdem Jesus seinen Jüngern diese Antwort gegeben hatte, spuckte er auf den Boden und machte aus Erde und Speichel einen Brei, den er dem Blinden auf die Augen strich. Dann befahl er ihm: „Geh zum Teich Schiloach und wasch dir das Gesicht!“ (Schiloach bedeutet „Gesandter“.) Der Mann ging dorthin und wusch sich das Gesicht. Und als er von dort wegging, konnte er sehen.

Die Erzählung beginnt damit, dass Jesus einen Mann sah, der von Geburt an blind war. Jesus geht nicht vorüber, sondern hat den Blinden im Blick. Anders die Jünger, die nicht den Menschen in diesem blinden Bettler sehen, sondern sich in erster Linie für die Schuldfrage interessieren: „Wer hat gesündigt – er selbst oder seine Eltern?“

Jesus stellt sich klar auf die Seite des Kranken und seiner Eltern und formuliert ihren Freispruch ganz unmissverständlich: „Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern“. Wie entlastend ist diese Eindeutigkeit für all die Menschen, die kranke Kinder haben oder selbst krank sind.

Jesus fragt nicht nach dem Warum und nach möglichen Ursachen, sein Blick gilt nicht der Vergangenheit, sondern er eröffnet dem Kranken eine Perspektive für die Zukunft.  Jesus schreitet zur Tat und bringt in doppelter Weise Licht in das Leben des Blinden.

Was hat der Blinde damals gedacht? Wie fühle ich mich in schwierigen Situationen?  Sehen die Menschen um mich herum nur, was „vor Augen“ ist, oder sieht auch jemand meine innere Not?

Das folgende Lied wurde 2017 zum Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags geschrieben: „Du siehst mich“.

Manchmal passiert es ja, das Wunder, dass Menschen Rettung erfahren, obwohl keiner mehr daran geglaubt hat. Obwohl es aussichtslos zu sein schien, wie bei dem Blinden.

Manche Augenerkrankungen galten in der Antike durchaus als heilbar, allerdings nicht eine Blindheit von Geburt an. Und doch handelt hier Jesus nicht als Magier, sondern als Arzt. Er macht eine Augensalbe aus Speichel und Erde. Eine Art Medikament, das in der Antike zur Behandlung von Augenleiden benutzt wurde. Vor allem dem Speichel wurde Heilkraft für die Augen zugeschrieben. Jesus als Arzt rettet und heilt – und eröffnet dem Blindgeborenen eine ganz neue, völlig ungeahnte Lebensperspektive.

Insgesamt ist es übrigens ein Verdienst des Christentums, dass in der westlichen Kultur Kranke nicht nur seelsorgerlich begleitet, sondern auch medizinisch therapiert werden. Und dass sich daraus schließlich in der Neuzeit ein sehr erfolgreiches wissenschaftliches Medizin-System entwickeln konnte – für das wir in diesen Zeiten der Corona-Pandemie gerade in Deutschland besonders dankbar sein können!

Ich habe in den letzten Jahren inner- und außerhalb unseres Familienlebens viele verschiedene Schicksale erlebt und oft gab es da mehr Dunkelheit als Licht. Aber ich bin mir sicher, dass Gott seinen Blick auf all diese Not und vor allem auf die damit konfrontierten Menschen gerichtet hat. Jesus rennt nicht an uns vorbei. Er bleibt stehen und hält sein Versprechen, an unserer Seite zu sein. Das kann unsere Sichtweise verändern und  in Dankbarkeit verwandeln. Das kann uns Mut und Hoffnung geben.

Das folgende Lied fasst diese Gedankenkette noch einmal mit einer sehr schönen Melodie (und für meine Ohren auch mit akuter Ohrwurm-Gefahr) zusammen:

Zum Schluss möchte ich noch auf die besondere Pointe unserer Erzählung hinweisen, dass der Blinde letztendlich der eigentlich Sehende ist. Das ergibt sich vor allem aus der Fortsetzung der Erzählung in Johannes 9. Alle gesunden Akteure um den Blindgeborenen herum können seine Heilung nicht glauben. Sie weigern sich sogar, sich mit ihm über seine Heilung zu freuen. Sie kleben an der Vergangenheit, anstatt den Blick nach vorne zu richten.

Die Nachbarn, die Pharisäer, die Eltern – sie sind blind für das, was hier geschieht. Der sehend gewordene Blindgeborene hingegen macht gleich einen doppelten Prozess des Sehenlernens durch: Er spricht zunächst noch von einem Mann, der ihn geheilt hat (Vers 11). Im nächsten Gespräch bezeichnet er ihn als Prophet (Vers 17) und schließlich am Ende des Kapitels als Menschensohn, an den er glaubt und den er anbetet (Vers 38). In ihm und um ihn ist es hell geworden.

Einige Gedanken dieses „Lichtblicks“ sind angelehnt an eine Predigt von Isolde Karle. Sie ist Theologie-Professorin an der Ruhr-Universität in Bochum.

Blick nach oben | Gebet

Vater im Himmel, danke, dass dein Blick auf uns gerichtet ist.
Wir wollen von dir lernen und unsere Nächsten sehen.
Wir wollen ihnen auch unser Ohr schenken.

Vater im Himmel, unser Blick geht zu dir.
Hilf uns, auch in den dunklen Stunden unser Vertrauen auf dich zu richten.
Wir glauben, hilf unserem Unglauben.

Vater im Himmel, unser Blick geht zu dir.
Hilf uns, mit weiten Augen zu sehen, wo du Wunder tust.
Wir glauben, hilf unserem Unglauben.

Vater im Himmel, unser Blick geht zu dir.
Danke, dass du uns mit deinen Augen leiten willst.
Wir glauben, hilf unserem Unglauben.

Amen

Blick nach oben | Nachspiel

Sicherlich kennen Sie das Lied „Amazing Grace“, dass in einer jazzigen A-cappella-Corona-Version heute unser Nachspiel sein soll. Vielleicht kennen Sie auch die Geschichte zu dem Lied: Der Autor des Textes, John Newton, war Kapitän eines Sklavenschiffs. Mitte des 18. Jahrhunderts geriet er in schwere Seenot, wurde aber nach einigen Stoßgebeten gerettet. Nach seinerRettung behandelte er die Sklaven deutlich menschlicher als zuvor. Und einige Jahre später wurde er sogar Geistlicher und trat für die Bekämpfung der Sklaverei ein.

Wie auch immer: Im Text heißt es „I once was lost, but now I’m found. Was blind, but now I see.“ – „Einst war ich verloren, aber nun bin ich gefunden. Ich war blind, aber jetzt sehe ich.“ In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gute Woche mit dem Blick fürs Wesentliche.


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